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Mittwoch, 26. März 2014

"Lohn der Angst" / "Le Salaire de la peur" [F, I 1953]


[...] Mühelos lässt sich Henri-Georges Clouzots beißend-schwüler "Lohn der Angst" als Schablone des kinetischen Actionkinos beschreiben. Eine fiebrige Meditation, den Naturgewalten über tiefe Schlaglöcher, breite Pfützen und gefällte Bäume zu trotzen. Doch viel mehr als das, viel mehr als Zement und Baustaub, greift Clouzot einen intellektuellen Unterbau auf, vier kakofonische Gestrandete aus der Gosse einem inneren Beklemmungszustand zu unterziehen, die schlussendlich einem nihilistischen Existenzialismus zum Opfer fallen: Indem sie sterben, schreien sie ihre Kritik direkt über den Abgrund der Straße hinaus. Diese Kritik ist in ihrer Nachhaltigkeit universeller denn je, sie reflektiert die ausbeuterischen Machenschaften einer dem Menschsein monetäre Interessen gegenrechnenden Ölindustrie, die mit dem unausweichlichen Tod von vier hoffnungsvollen Männern, die mit der Angst ein Abenteuer bestritten haben, um dem Siechtum zu entweichen, eine antiamerikanische Grenze setzt. Schnitt. Das war's. Stopp. Bis hierhin, nicht weiter. Menschen, kein Material, würden sie sagen, die Opfer einer Industrie. [...]


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Montag, 7. Oktober 2013

"Über den Dächern von Nizza" / "To Catch a Thief" [USA 1955]


"Über den Dächern von Nizza" nimmt den Platz jener Ausnahme-Hitchcocks ein (ein anderer Verwandter: "Immer Ärger mit Harry"), denen man partout nicht böse sein sollte. Die Seele baumeln, im Sandstrand räkeln, die Perlen des Meerwassers auf der gebräunten Haut glitzern sehen – für einen Krimi ist Hitchcocks entkrampfter Postkartenclip zu schwerfällig auf seine paradiesische Bilderabfolge fokussiert, für eine strahlende Romanze hingegen zu kühl wie der Windstoß während einer auf den Hotelzimmerbalkon verlegten, nächtlichen Zigarettenpause. Also was ist nun mit "Über den Dächern von Nizza"? Gar nichts. Zu knuddelig, zu entspannt der Gegenwart entflohen ist dieser Film, als dass man sich seiner ebenso gelösten, regenerierenden Intensität wie französisch angehauchten Akkuratesse gänzlich entziehen könnte. Da sind die Head-Kostüme (extravagant im Maskenfinale kollidierender Identitäten), die gravitätischen Burks-Fahraufnahmen, die sexuell chiffrierten Zweideutigkeiten, der Feuerwerkskuss, die wie ausgeschnitten wirkende Steinarchitektur "wilder Renaissance", die knalligen Farbtableaus und der kultivierte, verhängnisvoll in falsche Schubladen hineingeschobene Welten- und Dachbummler (Cary Grant), dessen Geliebte (dickköpfig-fesch: Grace Kelly) erstmalig darauf vertrauen kann, vom Herz denn Geld erobert worden zu sein. Halb hässlich durchschimmernder Studiofilm (die Rückprojektionen… oh, die Rückprojektionen), halb neckische Liebestollerei, hält "Über den Dächern von Nizza" Sätze für die holzgetäfelte Willkommenstür bereit. Geld verdirbt jeden. Wir alle sind Diebe. 

6 | 10