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Donnerstag, 5. April 2012

"Rocky Balboa" [USA 2006]


Runde #6, letzte Runde. Stallons einzige Möglichkeit, nach zig Jahren Abschied zu nehmen und als schlachtenschlagender Boxer Rocky Balboa zur ewigen Ruhe, zur unantastbaren Unsterblichkeit gebettet zu werden, war die der Melancholie. Und ja, der Teufelskerl hat es vollendet, vernünftig abgeschlossen, er hat es tatsächlich bravourös gemeistert, seiner bewundernswürdigen Figur aus der Filmgeschichte und seinen Mythos aus der Popkultur das letzte bisschen Würde angedeihen zu lassen, um diesen dummguten und deshalb erst charakteristisch glaubhaften Menschen in des Zuschauers Herz einschließen zu können. Auch wenn's schlussendlich weh tut, diesen zu verlieren. Inmitten einer elegischen Alterungsreflexion zwischen Schwermut und Nostalgie gehorcht Stallone jener Erzählkonstruktion, die ihn dazu brachte, ebenso kommerziell wie sportlich zu siegen, fünf Filme hintereinander. Die Marksteine auf dem Weg nach oben waren immer gleich: Krise, Lösung, Training, Kampf, Triumph. Diesen Entwicklungsstufen vertraut Stallone ein weiteres, ein sechstes Mal. Dabei montiert er die Vorgänger zur einer Art selbstreferentieller Trauerverarbeitung der guten, alten Zeit dazwischen. "Rocky Balboa" blickt auch durch die Zeit, wie sie hauptsächlich in der Vergangenheit ihre Kapriolen geschlagen hat, die in der Zukunft nachwirken. Dafür nimmt sich der Film die nötige filmische Zeit, das gedankliche Sammelsurium an Bildern – den "Rocky"-Bildern – während einer naturalistisch schattierten Seelenreise des Protagonisten feierlich, aber nie schwülstig aufzufrischen. Erinnern soll sich Rocky mit dem Zuschauer an altbekannten Orten, an Mickeys Trainingshalle, an Paulys Fleischhandelsunternehmen, an Adrians zoologischer Arbeitsstätte, wo die beiden ihr großes Glück gefunden haben, an der Eishalle, wo die beiden ihr großes Glück schließlich geteilt haben. Das sind Szenen, die auf mütterliche Weise berühren.

Dazu gibt's die üblichen Wahrzeichen, die Gütezeichen dafür, dass man die Originalfigur vor sich agieren hat, den Hut, die Schildkröten, den Hund, das unkontrollierte Mundwerk, ja Rockys Feinde von einst, die in seinem Restaurant zu dessen Stammkunden geworden sind. Mit dem zweiten Teil des Films beginnt hingegen der Wettkampfmechanismus zum letzten Mal Fahrt aufzunehmen. Eine abgehalferte Legende will es noch einmal wissen, gegen den aktuellen Champion im Schwergewicht und zugleich gegen das Vergessen und für die Erfüllung ihres unbezahlbaren Traumes anzutreten. Stallone fabuliert die Quintessenz weiter, was sich bereits in manchem Vorgänger gezeigt hat, vor allem im fünften, nämlich dass der nachhaltige Erfolg angesichts körperlicher Beeinträchtigung genauso flink verflogen sein kann wie er einem plötzlich zugeflogen ist, wenn man ihm nicht mehr hinterher schaut, wenn man ihm nicht mehr hinterher schauen kann. Hinzu kommt der ebenfalls davor erörterte Konflikt des Papas zu seinem Sohnemann. Dass Stallone unbedingt die auszustellenden Mätzchen der Moderne im Verhältnis zu seiner Vergangenheit einbeziehen und zusätzlich verstärken wollte, ist manchmal ein wenig aufgesetzt geraten – der sonst choreographisch recht bodenständige Finalkampf wird per überflüssiger Grafikeinblendung über Kämpferinformationen und Rundenzeit semidokumentarisch einer realen TV-Ausstrahlung nachempfunden. Auch die stilistischen Verfremdungseffekte beschleunigen das überkünstelte Gebaren. Immerhin sind einige Wegbegleiter Rockys wieder anzutreffen: Pauly (unausstehlich-kess wie eh und je: Burt Young), Marie (glück im Unglück: Geraldine Hughes), Duke (Tony Burton), Bill Conti, die Schweinshälften. Mike Tyson? Mike Tyson! Allenfalls Antonio Tarver als Rockys (schwarzer) Widersacher (hatten wir das nicht schon mal?) sowie James Francis Kelly als Rockys bessere Hälfte (entgegen seinem Vater konnte er sich einen Bürojob ergattern) mimen hölzern ihre Abziehbilder so, wie man sie sich imaginär auszumalen gedenkt. Eine schöne Reise nach zurück, trotzdem.

6/10

Donnerstag, 29. März 2012

"Rocky V" [USA 1990]


Runde #5, vorletzte Runde. Als jemand, der sich mit der vielfach abwechslungsreichen und sehr, sehr toll weitererzählten "Rocky"-Reihe zur Überraschung von vorn bis hinten anfreunden kann, leuchtet es mir nicht unbedingt ein, dass der oft unwiderlegbar übergangene fünfte Teil derart zusammengedroschen wird. Das soll der schlechteste Teil sein? Der schlechteste? Ehrlich? Ich meine, wenn "Rocky" mit kruder Comic-Action bepackt wird, mag das verständlicherweise scheiße sein. Wenn "Rocky" zu niederen Propagandazwecken missbraucht wird, mag das verständlicherweise auch scheiße sein. Man könnte aus den Augen der Fanboys damit argumentieren, dass sich der Geist dieser Sportserie eben nach und nach verflüchtigt, indem man sich langsam vorgeführt fühlt. Natürlich. Aber dann, wenn's zurück zu den Ursprüngen – und damit zu den Fanboys – geht und dieser Geist zum vermeintlich (vor)letzten Mal beschwört wird, soll das wieder scheiße sein. Komisch. Finde ich überhaupt nicht. Mit demjenigen Regisseur, mit dem alles angefangen hat, endet alles dort, wo alles begann. Ist doch wirklich schön. Schön wehmütig. John G. Avildsen verhilft ihnen zum Comeback, den Symbolen, Zeichen, Codes, Befindlichkeiten und Heimstätten der ausgestoßenen Verlierer einer versiegelt geglaubten Zeit von einst, die wiederkehrt. Der Hut (Rocky), die Brille (Adrian), der Boxring unter Jesus' Antlitz (Rockys erster gezeigter Kampf der Reihe), Rockys wortlastige Monologe, Mickeys zu einem Staubregen Vergänglichkeit zerfallene Trainingshalle – das sind Erinnerungen, die durch deren Nachruhm träumerisch umherirren, während Mickey (Burgess Meredith) in einer bekümmerten, aber couragiert-kämpferischen Rückblende seinen Kettenanhänger an dessen Schützling Rocky Balboa (Sylvester Stallone), ein Manschettenknopf Rocky Marcianos, weitergibt. Im Ring leben. Und Mickey wollte im Ring sterben. Bis dahin allerdings mussten beide weiterkämpfen, ohne zu fallen. Denn der Schlussgong lies weiter auf sich warten.

Fakt ist, dass sich "Rocky V" auf den zuvor unentwegt verdünnten Leitgedanken zurückbesinnt, der Familie und deren Entfremdung nämlich, sobald Rocky in dem jungen Tommy (Tommy Morrison in einer übereinstimmend ausgearbeiteten Rocky-Rolle, voll von gefährlicher Werbereizüberflutung umgeben) eine Möglichkeit sieht, die ihn des Gefühls nicht erwehren kann, im Boxsport mit einer Art Zweitsohn doch noch weitere Erfolge einzufahren. Zu leben. Trotz Hirnverletzung. Aber er muss leben. Das ergründet die "Rocky"-Saga seit jeher auch: die Fragilität des Körpers eines Berufsboxers durchs Einstecken, der dazu verdammt ist, immer wieder auszuteilen, um atmen zu können. Der Ring als Sauerstoffzelt. Neben Burt Young (als besoffener Weihnachtsmann) greift sich insbesondere Talia Shire einen breiteren Bezugsrahmen. Diese beiden Figuren dürfen das Wort haben, sie sind wichtig(er) geworden. Weiteren erzählerischen Spielraum, der kommerzialisierten Verführung im Boxgeschäft, vereinnahmt der Promoter Duke (Don King: Richard Gant), aus dessen Agitation das Drehbuch etwas holzschnittartig, aber unterm Strich gebührend das Team aus Marionette (Gun) und Strippenzieher (Balboa) gegenseitig ausspielt. Der Vater-Sohn-Konflikt wird demnach auf zwei verschiedenen Ausdehnungen folgenreich verhandelt, wovon der eine mit Stallones tatsächlichem Sohn häufig zärtliche Geständnisse sanfter Weisheit erfährt. Stallone hat ein paar starke Szenen. Dort, als er sich eingesteht, in welchen Bereichen sich sein Sohn zuhause und in welchen Bereichen er sich gar nicht talentiert fühlt. Da ist er wieder, der bemitleidenswerte kleine Straßengauner von einst. Das Streetfight-Finale schließlich, das berauscht wenig (so wie die Boxszenen ohnehin), und Stallone wühlt tief in der Klischeewundertüte, wenn er die gesamtgesellschaftlich zu beobachtenden Angewohnheiten rebellierend-verrohender Halbstarker reflektiert: Rauchen, Lungern, Ohrringe. Das Bonbon wird dann erst gen Ende dem Papier entwickelt. Das Schlusswort. Elton John. Bilder voller vorangegangener Triumphe im Kleinen wie im Großen werden ineinander für alle Unendlichkeit verkeilt. Für diesen Abspann muss man dem Film etwas abgewinnen können. Ernsthaft? Ganz im Ernst.

6/10

Samstag, 17. März 2012

"Rocky IV" - Der Kampf des Jahrhunderts" [USA 1985]


Runde #4. Der erotisch säuselnde Roboter (anscheinend weiblich) in "Rocky IV" ("Der Kampf des Jahrhunderts"), den Pauly (Burt Young) inklusive einer schmackhaft aussehenden Torte zum Geburtstag bekommt, mag das allerletzte Indiz für die bedingungslose Selbstzerstörung einer Mythologie sein, ergibt im Kontext der Geschichtenreihe und ihres titelgebenden Idols aber mehr als logischen Sinn. Seit dem zweiten Teil verliert sich Rocky (Stallone) in Luxusallüren, Endsumme seiner unzähligen Errungenschaften in der Weltrangliste des Boxsports. Da kommt es nicht von ungefähr – und es ist schlichtweg schlüssig –, dass ebenjener Roboter den Clou von Rockys materialistischer Unersättlichkeit für sich vereinnahmt. Man kann streiten, wo hierbei die Idiotie des Machers anfängt und aufhört, ob es dazu unbedingt einen futuristischen Bauklotz braucht. Aber Stallone hat diesen gewählt, um vielleicht auch ein bisschen mit zwinkerndem Auge jenen sich mit jedem Film proportional enger einschnürenden Größenwahn seines Protagonisten durchschlagend zu vollenden. Macht was her. Gewiss. Wenn man sich drauf einlässt. In Ermangelung dessen, dass das dritte Sequel eigentlich sonst nichts reißt, weil es außer der dramaturgischen Initialzündung, dass Kämpfer als Kämpfer geboren werden und nicht einfach ihre Identität, ihre Bestimmung, an den Nagel hängen können, nichts zu erzählen hat, verlagert Stallone den Hauptgehalt auf Technik und Manipulation, während er der Saga politisch-propagandistische Ambitionen aufnötigt. So etwa: Rocky schlichtet den Kalten Krieg, nachdem unzählige Bomben in seinem Gehirn explodiert sind, gewinnt nebenbei den Kampf der Systeme zwischen Ost und West für die Freiheit, hält 'ne Rede an die Nation(en) vom neuerwachten Selbstbewusstsein der als egomanisch geltenden Amerikaner, posiert als Freiheitsstatue mit Flagge und Blick gen Westen. Und die ehemals ausbuhenden Russen (auch Parteifunktionäre) jubeln euphorisch. Na klar!

In Anbetracht des Entstehungsjahres wird außerdem kein Klischee ausgelassen, das irgendwie mit der Sowjetunion verbrüdert ist – karge Landschaftseinsamkeit, verfolgende Geheimagenten, steroidspritzende Sportwissenschaftler, technologische Hinterwäldler, Kutschen und Schneeflocken, Armut und Armseligkeit in ausgemergelten Farben gefilmt, gänzlich steril, ästhetisch vernebelt, durch und durch kalt. Der Gegenentwurf speist sich aus Partydekadenz, die einen Schaukampf als "Living in America"-Steilvorlage zweckentfremdet und zur Erhaltung der einschlägigsten aller einschlägigen US-Mentalitäten instrumentalisiert, wärmend eingefangen. Das ist alles so doof und bekloppt, dass es bewundernswert Spaß macht. Wer für derlei Pathos nicht anfällig ist, hat keine Gefühle. Ganz im Ernst. "Rocky IV" ist zu 100% eine ekstatisch-schrille Musikcollage schallend-scheppender 80er Power, zu denen die Hauptkontrahenten zu ihren animalischsten Ursprungseigenschaften zurückgeführt werden, zu ihren Körpern, zu ihrem Fleisch, zu ihren Muskeln, zu ihren Schweiß gesättigten Hüllen, in entzückenden Videoclipmontagen festgehalten, in denen Trainingseinheiten parallelisiert werden, die entweder der Zeit hinterherhinken oder der Zeit vorauseilen. Und das beides gleichzeitig! Rocky begnügt sich mit dem Baumhacken, wohingegen sich Ivan Drago (der sibirische Totengräber: Dolph Lundgren) dem High-Tech verschreibt. Fleischgewordene Monster, im Ring zerfleischend. Überdies: Brigitte Nielsen, Adrians (Talia Shire) und Rockys versöhnende Wiederbegegnung auf russischem Territorium, die zwei explodierenden Fäuste zu Beginn ("Eye of the Tiger", selbstverständlich), Paulys Russendenunziation, Apollos (Carl Weathers) Tod; quietschvergnügter kann ein Kommunistencomic gar nicht sein.

6/10

Donnerstag, 8. März 2012

"Rocky III - Das Auge des Tigers" [USA 1982]


Runde #3. In Tempo und Filmgeschwindigkeit ein halsbrecherisch-kühner Fortsetzungskrawallmacher. Mit aller Energie drescht "Rocky III" ("Das Auge des Tigers") wie selten zuvor auf rohe Materie ein, deren ungezügelte Bearbeitung die Menge johlen, die Augen zuschwellen und die Visagen bluten lässt. Erinnert sich etwa jemand an den halbdokumentarischen "Rocky" von einst? Pah! Prügelte dieser noch bekanntermaßen die Zahnspitzen aus dem Mund, so reißt "Rocky III" die Zähne samt ihrer Wurzeln aus der Fresse. Frei nach der Devise: "Totes Fleisch ist gutes Fleisch". Auf den Schmerz, auf den kommt es an. Härter als jemals zuvor. Was diesem dritten Teil aber damit unweigerlich nicht bekommt, manifestiert sich in der Abweichung gegenüber den vorherigen erzählerischen Mitteln. Indem Stallone die Balance zwischen Sport und Drama aufbricht, konzipiert er "Rocky III" weder als Sportfilm noch als Drama. "Rocky III" ist ein astreiner Actionfillm, so genussfreudig überzeichnet, dass er nicht mehr aus dem Leben gegriffen, sondern dem Comic unterstellend wirkt.

Förderlich für die Reihe insgesamt war das sicher nicht, ist es doch so, dass sie meist anhand dieser cholerischen Nachzügler identifiziert und zwecks darauf unnötigerweise in ein schlechtes Licht gerückt wird. Die Vorteile verschwimmen, die Defizite gewinnen an Form: Kämpferisch wird blind ohne Konzept und Schlagkombination geprügelt, ins Innenleben der Figuren kaum noch geblickt, die Tragik zur Demoversion verkürzter Zwischentöne erklärt. Sowohl Adrian (Talia Shire) als auch Pauly (Burt Young) haben ein, zwei Momente, bevor sie sich wieder an den Seitenrand stellen. Denn das behindert ganz manifest den Film in seinem unwiderruflichen Vorwärtsdrang zu mehr. Mehr Reiberei, mehr Kraftmeierei, mehr Ausschlachterei. Gegen Hauptgegner, Großmaul und denjenigen Penner, bei dem wir es nicht erwarten können, ihn endlich auf den Brettern zu sehen, James "Clubber" Lang (unerträglich satzzeichenlos brabbelnd: Mr. T), darf Rocky zweimal antreten, nachdem er einen Wolltätigkeitskampf bestritten hatte, durch den er in den seltsamen "Genuss" kam, einen Wrestler herauszufordern (befremdlich, aber sehr amüsant: Hulk Hogan).

Die bis dahin noch nicht verbauten Handlungsbausteine ändern sich außer der emotionalen Sterbeszene Mickeys (Burgess Meredith) marginal – Adrian rüttelt Rockys Selbstvertrauen wach, Rocky trainiert fleißig, übt sich in einem neuen Stil, gewinnt beim zweiten Anlauf. Währenddessen übernimmt der Film Rockys Zwang, sich seinem Gegner körperlich und konditionell im Training auszurichten. In "Rocky II" musste er vom Rechts- zum Linksausleger mutieren, in "Rocky III" wiederum erlernt er die tänzelnde Beinarbeit. Quasi funktioniert der Film ungeachtet der merklich angekurbelten Flachheit durchaus, sofern die Rezeption auf der Unterhaltungsniederung liegt. Dort sorgt Stallone dank spendabler Vertrashung sowie einer Unmenge an chauvinistischen Kopfnüssen für vergnügliche Augenblicke – die Anfangsmontage gribbelt angesichts des kultigen Survivor-Soundtracks unterhalb jedweden Haaransatzes, Paulys Sprüche sind vor allem in Gegenwart Appolos lustig, obgleich nicht minder latent rassistisch, der Hogan-Kampf spektakulär, Langs Rammelei mit Rocky zu dessen Verewigung auf einer Statue erheiternd ("Ich schlage dich tot!").

Die Hauptrolle verlangt Stallone nicht sonderlich viel an Mehrdeutigkeit ab – anders als noch vor ein paar Jahren davor –, und er ist leider längst in dem Alter angekommen, wo man nicht mehr naiv sein sollte. Rockys herzlich-ungezwungene Art ist einer kalt-berechnenden gewichen, auch das erweist sich als Nachteil für die Identifikation ebenso wie zur Aufforderung, den Helden zu begleiten. Seine stärkste Szene hat Stallone am Strand von Los Angeles, als er schuldbeladen zweifelt, weil er Angst hat, nach einer zweiten Niederlage alles zu verlieren. Das verstopft ihm (wieder einmal) den Kopf, ehe seine Frau den seelischen Rettungsanker wirft. Und Apollo (grandios: Carl Weathers), sein ehemaliger Opportunist, zum wahrhaftigen Freund wird. "Rocky III" erzählt also auch etwas. Über alternde Recken, die Vergänglichkeit des Erfolgs, eine Männerfreundschaft und die Deformation einer Ikone.

5/10

Donnerstag, 1. März 2012

"Rocky II" [USA 1979]


Runde #2. Den dramaturgischen Eckpfeilern des Vorgängers treu nachempfundene Fortsetzung, die allerdings deshalb noch lange nicht dessen Handlung plagiiert, sondern sie im Guten wie im Schlechten mit eigenständigen Randverzierungen anreichert – so wie es sich für eine anständige Fortsetzung eben gehört. Regie führte diesmal Stallone selber, der vom ersten zum zweiten Teil geschmeidig schwenkt, indem er den finalen Kampf des Erstlings noch einmal Revue passieren lässt und Dinge verrät respektive Gesprächsfetzen belauscht, die davor verschwiegen wurden, ehe die eigentliche Geschichte mit zwei lädiert-erschöpften Kämpfern einsetzt. Zwei "Rocky"-Filme modelliert zu einer Einheit. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man keinen Unterschied merken, wenn jene zwei voneinander abgetrennte Segmente zusammengeschnitten wären. Sonst mäandert sich die Struktur zwar annähernd deckungsgleich durch den Plot (ungefähr kongruente Trainingseinlagen, zwei Kämpfe, davon der finale wieder gegen Apollo Creed), aber der Schwerpunkt, auf dem sich "Rocky II" allen restlichen themenübergreifenden Fußnoten zum Trotz spezifisch positioniert, ist ein anderer. Wo "Rocky" existenzielle Gesellschaftsskizzierung mit sanftem Sport- und Liebeseinschlag war, wendet sich "Rocky II" konsequenter der Liebe und dem Sport, dem Sport zur Liebe, der Liebe zum Sport zu, und inwiefern sich beides einander braucht, um demgegenüber jenes bereits ausgemalte Gesellschaftbild zu verlassen.

"Rocky II" stellt sozusagen die Weichen für eskapistische Genreorganisation, die ab dem nächsten Teil hervorstechende Konturen bewerkstelligen sollte. Exemplarisch beschreitet das archaische Finale in seinem hochkomplizierten Arrangement aus pfeilschnellen Maschinengewehrtreffern und zeitlupenartigen Kanonenschlägen (genauso vertont) zum absoluten "Massaker" (Kommentator) einen grundverschiedeneren Weg, ist es doch mehr dem konstruiertem Actionfilm, statt herkömmlicher Boxchoreographie zuzuordnen. Wenn Rocky (Stallone) und Apollo (Weathers) schlussendlich um das letzte Aufbäumen in einer beinah symbolbildnerischen Szene großer, erhabener, gänsehauterzeugender Pathetik ringen, dann ist Rocky endgültig zur Ikone avanciert – und "Rocky" ohne Zweifel in der Ruhmeshalle wegweisender Genregeschichte, aus der ungeheuerliche Helden hervorgehen. Davor kann Rocky bereits die Massen begeistern. Sein berühmter Marathonlauf wird einschließlich des stürmischen Conti-Scores wiederverwertet; mit Kindern, die ihm folgen, zum puren, zum kriegerisch-lebendigen Gefühlskino. Einer der bedeutungsvollsten Augenblicke in dieser ersten Fortsetzung. Der Verzicht auf ausladende Psychologisierung fundamentaler Hauptfiguren erlaubt es "Rocky II" zudem, an denjenigen Protagonisten weiterzufeilen, die im Original zu kurz kamen.

Carl Weathers spielt ab sofort nicht mehr ausschließlich einen schwatzenden Stereotypen des Showbusiness. Stallone gewinnt ihm positive Seiten ab; während einer urkomischen Pressekonferenz darf Creed sogar lustig sein ("Al Capone"). Mickey schärft den eingerosteten Kampfgeist Rockys hingegen ein weiteres Mal, einmal mehr treibend von Burgess Meredith dargestellt. Er ist der Antrieb für das erloschene, aber schnellstmöglich zu entzündende Feuer im Herzen Rockys, dem eine Massakrierung im Ring bevorsteht. Ausnahme Burt Young. Sein überhasteter Jobwechsel zu Rockys ehemaligem Geldeintreiber wird vom Drehbuch nicht ausreichend begründet, abgesehen davon, dass Young seiner Figur ohnehin nicht ausreichend Tiefe einzuverleiben versteht, die über den erweckten Eindruck hinausgeht, regelrecht eingeschlafen irgendwo herumzulungern. Und Adrian (Talia Shire)? Heiratet, wird schwanger, entbindet, fällt ins Koma, reanimiert das Herz und den Kopf Rockys, um zu "Gewinne(n)!". An ihr arbeitet sich der Film fragmentarisch (und manchmal etwas gestrig) an klassischen Stationen ab, die auf der einen Seite für ausreichend Spannung sorgen, auf der anderen Seite aber auch den Druck für Rocky verdichten sollen, damit er nicht wieder mit dem Boxen aus gesundheitlichen Gründen anfängt.

Rocky selber, den Stallone nach wie vor ausgezeichnet spielt, frönt derweil verschwenderisch dem Hedonismus, kauft Auto, Klamotten und Haus, wohingegen er alsbald mit den dunklen Seiten des Erfolgs konfrontiert wird. Das heißt eine körperliche Arbeit annehmen zu müssen, weil sein Intellekt nicht dafür ausreicht, im Büro sitzen zu können. Das heißt Entlassung aus Personaleinsparung in Paulys früherer Fleischfabrik. Das heißt, sich zu schämen. Das heißt, dass er früher oder später zu dem zurückkehren muss, was er ist, was er kann, was er ausnahmslos gut kann. Auch hier bleibt das Sequel angemessen ungekünstelt. Ein Sequel, das sich sowieso nicht ausreichend ernst nimmt, das selbstironisch seine markige Titelfigur umgarnt, aus dem eine Reihe an amüsanten Zwischenepisoden erwächst. So zum Beispiel die Werbespots, in denen Rocky immer wieder falsch die Slogans vorliest. Und er kurz darauf mit dem Lesen beginnt. Oder die Parallelmontagen vom Training. Apollo trainiert entfesselt, Rocky vermeidet es hingegen nicht einmal, sich beim Seilspringen zu verhaspeln, obwohl der Kampf zwischen den beiden nahe vor ihnen liegt. Knochentrocken. Zweifelsohne knochentrocken.

6/10

Freitag, 24. Februar 2012

"Rocky" [USA 1976]


Runde #1. Keine andere Sportsaga stand derart aufrichtig unter dem Diktat ihrer Zeit, die sie beharrlich auf Zelluloid reflektierte. "Rocky" ist nicht nur die aufwühlende Geschichte eines hoffnungsspenden Werdegangs eines Niemand zum Jemand, eines etwas dummen Straßenkämpfers zum ungemein freudestrahlenden Volkshelden. "Rocky" lebt nicht den amerikanischen Traum. Bei "Rocky" geht es überhaupt erst einmal um die Errichtung des Traums in den gleichermaßen beißend-dampfenden wie schmuddelig-versifften Gassen Philadelphias als Balsam für die amerikanische Seele, die seinerzeit unter dem Eindruck von Watergate und dem Vietnamkrieg entgeistert schien. Eine Geschichte über die merkwürdigen Fügungen des Glücks und darüber, dass der Ansporn zur Besiegbarkeit der Unbesiegbarkeit sowie die Chance zur Chance den Verlierer zum Gewinner machen. Ein Klassiker des Genres, der nüchtern zwischen Milieu-, Sport- und Liebesstudie boxt, während er soziale Hierarchien ihrer Schablonenhaftigkeit beraubt.

Und eine ernstgemeinte Existenzmetapher, bei welcher der Zeigefinger weitgehend abgeschnitten wird – das Leben, ein lebenslanger Kampf. Mit sich selbst und so vielen universellen Problemen, die in ihrer Anzahl die trommelnden Fausthiebe des Kämpfers allegorisieren, ein Kampf aus Blut, Schweiß und Tränen im Boxring des Lebens. Diesen gilt es, wenn schon nicht zu gewinnen, so doch wenigstens aufrechten Hauptes zu überstehen. Milieustudie – Neben den einschlägig sportlichen Wettkampfassoziationen, die man unmittelbar mit "Rocky" zu verknüpfen vermag, gelingt es dem ersten Teil vielleicht noch unnachgiebiger als dessen lediglich auf einer Unterhaltungsebene operierende Nachfolger, das Drumherum, wo der Wettkampf, der Traum eigentlich eingebettet ist, plastisch erfahrbar zu machen.

Die Luft ist kühl, das Klima rau, die Unterkünfte megazerfallen, die Armenviertel in ihrer stumpfen Einöde übermannend und jegliche zwischenmenschliche Sozialität verschlingend, hier muss man sogar schüchtern werden, um einen Abwehrmechanismus gegen die Dinge da draußen zu generieren. Rocky Balboa (Sylvester Stallone) hingegen, der hat einen gewöhnungsbedürftigeren Abwehrmechanismus. Er redet. Und redet. Und redet. Alles tot. Manchmal wirres Zeug. Aber er redet zumindest. Auch eine Möglichkeit. Der einzige engagierte Streetworker, lange bevor das Wort infolge des gleichnamigen Berufes überhaupt erst erfunden wurde. In der Hoffnung, mehr gegen die Straße und mehr für deren kindliche Bevölkerer zu tun, verdingt sich Rocky als Sozialprediger, der selbst dann freundlich ist, wenn er den Geldeintreiber spielt. Er ist nicht das, was man unter glücklich kennt, aber er hat sich seiner Situation mehr oder weniger angepasst, ohne sich jener Tristesse zu unterwerfen, die mit ihm tagein, tagaus aufeinanderprallt, ihn streift, aber nicht mitzieht – und das ist das Wichtigste. "Rocky" ist die Geschichte des Reifeprozesses eines naiven, jedoch tatkräftigen Philanthropen, der immer wieder aufsteht, ganz gleich wessen Folgen das Leben für ihn bereit hält.

Liebesstudie – Vielleicht der problematischste Teil des Drehbuchs, wenn die aus mucksmäuschenstillen Gesten und zarten Körperbewegungen sich ernster zusammenziehende Begegnung zwischen einer verschlossenen Kleinzooverkäuferin (Präsenz durch Unauffälligkeit: Talia Shire) und dem entgegengesetzten, weil entschlossenen Hobbyboxer (Stallone) häufig großen Raum zur charakterlich wachstumsbedingten Intensivierung bekommt, präzise gesagt: zu großen Raum bei gleichzeitiger Verdünnung der zwei anderen Studien. Der Schlüsselmoment – die beiden Verliebten gehen zum ersten Mal miteinander aus – wirkt redundant und ausbremsend. Der Kuss wiederum aber einfach schön, so sollte man Küsse inszenieren! Im Rahmen besagter Liebesstudie taucht zwischendurch Pauly auf, nur ein Beispiel der kohärent durchorganisierten Nebenriege, enervierend von Burt Young wasserfallartig-emotional personifiziert. Mit ihm gehen die Gefühle zeitweilig durch, als er sein Haus mit einem Baseballschläger ramponiert. Beweis genug, dass er umso energischer sein Herz am rechten Fleck verteidigt.

Sportstudie – Schwarz fordert Weiß zum Duell heraus, Ober- gegen Unterschicht, Apollo Creed (Carl Weathers) gegen den Italienischen Hengst als Zeichen von Creeds geheucheltem Mitgefühl, nur um den Moment nicht verstreichen zu lassen, Rocky vor laufender Kamera zum Clown zu schminken. Die Sympathien sind hierbei unmissverständlich verteilt. Creed ist der, welcher eine für ihn einstudierte Show inszeniert, deren Pointe diejenige ist, dass Creed seinen Weltmeistertitel verteidigt. Und für Rocky bedeutet der Kampf nicht weniger als endlich geachtet zu werden, indem er die maximale Rundenanzahl durchhält. Beide verwandeln in einer ebenso akkurat einstudierten wie präzise geschnittenen Choreographie den Ring zum Kriegsschauplatz. Geschossen wird mit den Händen unter amerikanischer Flagge, wortwörtlich. Mäkelei: Creeds Truppe versinnbildlicht den kapitalistischen Scheideweg des Boxsports insofern ein wenig zu schwarzseherisch, als dass innerfigurative Komplexität auf der gegnerischen Seite Rockys gar nicht zustande kommen kann. Der Rest – Rockys musikalischer Marathonlauf unter Bill Conti, das Training mit Schweinshälften, Mickeys (Burgess Meredith) wimmernde Bitte um den Managerposten, Rockys daraufhin gewaltige Gefühlsexplosion, Creeds George-Washington-Selbststilisierung – ist Filmgeschichte.

6/10