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Freitag, 28. September 2018

Serien: "Quakquak und die Nichtmenschen" / "Coincoin et les z'inhumains" [F 2018]


Schmiere, überall Schmiere, Migranten "imigrieren", Polizisten ("Gendarmerie nationale!") fahren auf zwei Rädern. In der zweiten Staffel "Quakquak und die Nichtmenschen" – nach "Kindkind" – erhebt Bruno Dumont eine anbrechende Apokalypse zu frohgemutem Verunsicherungsmagma: Außerirdische (oder doch keine?) klonen die Bewohner eines (in der ersten Staffel etablierten) französisch verschlafenen Wald- und Wiesenfleckchens, um die Weltherrschaft gleichermaßen unauffällig wie charmant an sich zu reißen. Während Dumont "Kindkind" tonal quasi klont, erlaubt er seinen verkrampften Menschenskindern, das "Ende der menschlichen Welt" ohne Angst mitzuerleben. Einzig die Küsse, vor allem die zwischen Quakquak (beseelt: Alane Delhaye) und seiner neuen Freundin Jenny (kess: Alexia Depret), matschen und schmatzen wie ein Kaugummi, der zerkaut wird. Dumont musste nicht extra darauf hinweisen, dass nichtmenschlicher "Braunkack" von oben herabregnet – dort, wo Quakquak ohne Führerschein Auto rast und Van der Weyden (Bernard Pruvost) halsverrenkend ermittelt, entgleitet alles Konventionelle und verbrennt alle Konfektionsware, haben sich die Aliens unlängst in ein Menschenkostüm gezwängt. Dieses Menschenkostüm besteht aus Nähten von Kontraktionen – Bruno Dumont würgt den Zuschauer und schüttelt ihn, wenngleich er die Handlung, als Kommentar aktueller Schieflagen, migrationspolitisch erweitert. Eine moralische Belehrung bleibt trotzdem aus. Dumont fürchtet sich vor nichts. Das Ende besiegeln alle, sie besingen, beklatschen und betanzen es. Sie sind alle gleich.

6 | 10

Freitag, 27. Oktober 2017

"Jeannette: The Childhood of Joan of Arc" / "Jeannette, l'enfance de Jeanne d'Arc" [F 2017]


Selbst für Bruno Dumont, dessen Werke vorrangig die Normalität verfremden (in "Twentynine Palms" mündet der Sex in einen animalischen Rhythmus der Ohnmacht), kann "Jeannette: The Childhood of Joan of Arc" als völlig außer Kontrolle geratene Kuriosität erfahrbar gemacht werden. Er wollte der Unvollkommenheit gedenken, wie es Dumont in einem Interview ausdrückte, an das Genealogische des Kinos, das im Musical zusammenfließt: Musik, Tanz, Bewegung. Spontanität. Vergessenheit. So schmückt Dumont die Jugenderlebnisse der Jungfrau von Orléans zu rockigem Headbanging aus, angereichert mit aufdringlichen Seinsuntersuchungen. Über Gott und die Welt, Unterdrückung und Auflehnung: Die historischen Konflikte, die sich in Frankreichs Nationalheldin äußern, profaniert Dumont. Es sind nunmehr entbehrliche, strukturlose Teenager-Reflexionen, etwas naiv, etwas heroisch – und garantiert wie wild mäandernd. Eine Grenzerfahrung ist der Film aus diesem Grund nicht, eher eine geschwätzige semiphilosophische Geduldsprobe. Um wahrhaftig lebendig (und eben spontan) zu sein, braucht es keinen spröden Arthouse-Minimalismus, der mathematisch exakt jede Musiksequenz berechnet. Träge, mitunter skelettiert und prätentiös, gar nach einigen Szenen sättigend wirkt dieses unnahbarste aller Musicals, das sich in der Dekonstruktion des Textaufbrechens (Dumont ließ über alle Szenen hinwegsingen, die er in der Vorlage nicht verstand) viel zu sehr mit sich beschäftigt, als mit dem ernst gemeinten Rat, einfach einmal gedankenverloren loszuträllern. 

5 | 10

Freitag, 20. März 2015

Serien: "Kindkind" / "P'tit Quinquin" [F 2014]


Verdutzt und verschlagen schaut Kindkind (Alane Delhaye) einem launischen Polizisten ("der Nebel": Bernard Pruvost) nach, nachdem der Serienmordfall gelöst ist. Oder auch nicht. Göttliche Eingebung. Leichen, so speckig wie bei Rubens. Zerstückelt, Tierfutter. Kindkind, ein Rotzlöffel und Lausbub, grinst. Es ist das Grinsen eines Beweises, dass gar nichts zählte. Bruno Dumonts minimalistisch klapperndes, durchstreichend denkendes Serienexperiment "Kindkind" spielt in einer bäuerlichen Provinzdorfschaft – entschleunigt, tatterig, durchgeknallt. Wiesen, Meere, Bunker. Musikalisch erregte Pfarrer, trällernde Schnepfen und Macken zuhauf. Assistenten, die auf zwei Rädern Auto fahren. Vorgesetzte, die aufgrund ihres Kindheitstraumes reiten. Vermummte Täter, die auf Trauerfeiern durch die Menge schreiten. Spastische Verrenkungen. Lähmender Sprech. Es ist das Demaskierende, um das Dumont feilscht, den Slapstick zu überziehen, die nichtige Lösung herauszufordern und das Körperpathologische einer Nullsummensprache, deren Fallhöhe sich nach unten korrigiert, je weiter die Protagonisten (um den Kreis) reisen. Dumont filtert krause Gesichter, die, sekundenlang betatscht und begrapscht, eine aussichtslos-irritierende Geschichte erzählen, während der Anarchowahnsinn dieser vier Folgen vereinnahmenden Miniserie ein Genre durchschüttelt, seine Besetzer, seine kreuzbrave Biederkeit und sein Ordnungsschlaraffenland. Kindkind pflegt nebenbei eine herzensschöne Romanze, aber selbst hier ist er sich nicht sicher, ob er sie küssen oder umarmen soll. Das Genießen, das Vorhersagbare verliert die Fassung, der Verlust züngelt.

6 | 10