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Freitag, 18. November 2016

"Exodus: Götter und Könige" / "Exodus: Gods and Kings" [USA, GB 2014]


Ein von abenteuerlicheren Rissen und Spalten durchzogenes Spätwerk wie das Ridley Scotts scheint gar nicht zu existieren. Und wenn, dann habe ich es noch nicht kennengelernt. Ein Spätwerk, so unbegreiflich wie schlagartig, das insbesondere in einem winzigen Augenblick liebenswürdiger Schwäche funktioniert: "Exodus: Götter und Könige" traf bei mir einen Nerv, als ich empfänglich war für derlei überkandideltes Pathosgeschnetzeltes. Diese ekstatisch-brennende Mitreißenergie, wo alles unter die Haut geht und selten etwas abperlt, ist schwer zu rekonstruieren – dies erklärt die vielen Verrisse. Aber Scott inszeniert Bilder. Bilder, die zwar von einem verstopften Soldatenernst geprägt sind, allerdings eine allgewaltige Wirkmächtigkeit aussenden, dass sie dem Thema biblischer Katastrophe(n) adäquat entsprechen. Sprunghaft nähert sich Scott der Transformation eines Mannes (Christian Bale), zurückgeworfen in die Rolle eines Auserwählten, in eine Geschichte des Leids und Leidens, und, gewiss, hat dieser Film wenig darüber zu sagen. Die Ellipse muss er sich anrechnen lassen, um zu übergehen. Oder doch eher, um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, die Löcher der Narration zu vergrößern, als zu stopfen? So oder so: Wie in "Königreich der Himmel" entmythologisiert und verweltlicht Scott auf druckvollste Weise Allerheiligen Stoff, ringt mit Gottes Plagen und dem Zorn einer schmissigen Räuber- und Gendarm-Inszenierung, die, ja: zeitweise, fetzt.   
6 | 10

Freitag, 21. März 2014

"A Long Way Down" [GB, D 2014]


In die Untiefen des hyperhysterischen Betroffenheitskitsches vordringendes Suiziddrama, das sich hochgradig wichtig und prinzipiell philosophisch gibt, um sich sogleich zu verkaufen, an eine Multiplex-Moral, an Lebensplattitüden, an feuchte Wangen, tränende Augen und der Garantie, dass das hauptsächlich auch kurzweilig zu sein hat. Nick Hornbys skurrile Ausgangsposition über vier potenzielle Selbstmordkandidaten, die sich gegenseitig davon abhalten, überträgt Pascal Chaumeil in einen entzweigerissenen Film: Für pointierte, lakonische Sprücheklopferei, echt Britisch, schwarz ohne Zucker, ist "A Long Way Down" zu brav und mit zusammengezogenen Zähnen in der zweiten Hälfte vermehrt am abgeschmackten Kuschelklassentreffen interessiert. Für ernste, lebenskluge Gedanken andererseits ist er, der Film, extrovertierter, flapsiger (Overacting-Grauen Imogen Poots, umhüllt von blonder Hohlheit) und behaglicher, als es ihm stehen würde. Gelegentlich sanfte Schmunzler über eine melancholisch-anarchische Gruppendynamik inbegriffen, verteilt auf "B-Promi" und Feierbiest Pierce Brosnan, Idiotenpolitiker Sam Neill sowie Dauerlügner Aaron Paul, mag man "A Long Way Down" zeitweilig mögen, seinen freien Geist, seine Lässigkeit, seinen optimistischen Charakter eines Lebens, das es trotz Dunkelheit und Qual wert ist, gelebt zu werden. Aber was nützt alle Energie, wenn sie verpufft? Sobald Chaumeil das Mitleid seines Publikums herausfordert, ist das kein Film mehr, der nett ist, sondern ausschließlich unfreundlich. Alles in allem Baukasten-Dramedy, mit charmant-überzogenem Presseheft. 

4.5 | 10

Mittwoch, 19. März 2014

"Need for Speed" [USA 2014]


Helikopter, Hindernisse und Hubraum: "Need for Speed", neuerdings als schnittiger Multiplex-3D-Film unterwegs, bleibt sich seiner Linie treu. Denn Anhänger der Spieleserie werden unvermittelt Echos hören und Vertrautes wahrnehmen. Die gleichen aufgemotzten Schlitten, die gleichen (Fahr-)Manöver, die gleichen Zusatzausschmückungen von Fahrziel eins zu Streckenabschnitt zwei, Gaspedalfetisch und die Todessehnsucht nach der sich nach rechts neigenden Tachonadel. Alles an "Need for Speed" ist ein liebevolles Zitat; selbst die altmodisch aufgebauten und fingerfertig geformten Verfolgungsjagden ohne digitalen Verschlimmbesserungseffekt. Was "Need for Speed" gewiss nicht von anderen Vortänzern unterscheidet. Der Film verfügt zudem nicht über das lebendige Figurenarsenal der "The Fast and the Furious"-Endlosreihe (Ausnahme: ein exaltierter Michael Keaton), deren Gewitztheit, deren Brechen der Formel und ehrgeizige Neuausrichtung. Hier ist Scott Waughs raues Autoballett zu starr, belastet mit Fracht, die auserzählen, aber nicht andeuten, fragmentieren, verdichten will. Aber was "Need for Speed" leistet, ist, dass er als einer der wenigen erwähnenswerten Actionfilme jüngster Zeit als solcher wahrgenommen werden kann, weil er mit dem vertraut ist, was ein Actionfilm im Mindesten leisten und eskapistisch einfordern sollte, nämlich das Choreografieren und Koordinieren mit Räumen, Perspektiven und genauen Bewegungen. Hier ist Waugh in seinem Element – die Materialorganik ist echt, physisch greifbar und gemahnt an das belebend Gestrige. 

5 | 10