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Mittwoch, 25. Mai 2016

"X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" / "X-Men: Days of Future Past" [USA 2014]


Staub rieselt vom Cerebro-Helm. Jahrelang nicht genutzt. Überall zusammengefallene X-Buchstaben. Eingeschlafen, mausetot. Bryan Singers dritter "X-Men"-Film ist auf der einen Seite schwer- und wehmütig, aber auf der anderen primär ein Krawallmelodram, das sich geradewegs über die Vergänglichkeit der Zeiten entfaltet. Hochtönend muss das Schmachten sein, enorm die Menschlichkeit und Hoffnung, spontan und avantgardistisch der Humor ("Time in a Bottle"). Was Singer in seinen ersten beiden Franchise-Beiträgen anschnitt, krönt er in "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit". Dieser Film ist so herzergreifend, so mit Leidenschaft am Fantastischen angefüllt und so traumwandlerisch smart in seiner sich überlappenden Dopplungskonstruktion, dass man seine Prätention, neunmalkluge Verweise, sekundenkurze Cameos und versteckte Erinnerungsstücke nach einer undurchsichtigen Chronologie besserwisserisch abzuarbeiten, selten direkt wahrnimmt. Ein sinnlicher Metafilm, dominiert von mitreißenden Figuren und ihrer sich selbst verschleiernden Identität, Determinismus-Science-Fiction, Period Piece, ein selbstreferentieller Gag – aller durchtriebenen Taktik zum Trotz, die den blinden, wütenden Rausch Hollywoods beinah verulkt, jede Lücke zu stopfen, jede Geschichte zu reproduzieren und jede Logik zu reparieren, bleibt das einprägsamste Bild der Mutant, gefesselt, bewegungsunfähig, der Meute zum Fraß vorgeworfen; ein zweiter verrissen-zerrissener Zapruder-Film. Die Besetzung Peter Dinklages trifft am tiefsten die Essenz: Schwäche, Stärke und… Größe scheinen dort, im von Unruhen erschütterten Amerika aufbegehrenden Protestes, gezielt seitenverkehrt.

7 | 10

Mittwoch, 21. November 2012

Die Bond-Retro; geschüttelt, nicht gerührt #7


»DIE WELT IST NICHT GENUG«
»THE WORLD IS NOT ENOUGH« 
(GB, USA 1999; Regie: Michael Apted)

Erst im choreographierten Motorboot-Verfolgungseinerlei angedeutet, dann visuell chiffriert: Ein prasselnder Ölregen, aus dessen schwarzen Tropfen die Lust und die Begier schlüpft. Der Tropfen symbolisiert die Libido, die Weiblichkeit neben mechanisch hämmernden Ölbohrmaschinen mutiert zur bedrohlichen Verführbarkeit für jeden Helden. "Die Welt ist nicht genug" handelt von dem Epizentrum Frau und ihrem Fleisch, vom Fühlen und der Taubheit, und wie dies alles mit der Welt zusammenhängt, die für jeden Helden nicht genug sein kann. Spätestens hier aber, mit Brosnans vorletzter Mission "Die Welt ist nicht genug", beschleicht einem das Gefühl, dass der Befreiungsschlag James Bonds zwei Filme danach eine so schlechte Idee gar nicht gewesen sein kann. Denn mehr noch als "GoldenEye" umrandet Michael Apted einen Plot, der unter seiner unentwirrbaren Schwere zu leiden hat, die unter der thematischen Kreuz- und Querschieberei (Ms Familienangelegenheiten, Kontrahentendezimierung, Plutoniumbohei) zu keiner Stringenz und Konzentration führt. Auffällig: die an lasziver Doofheit entlangschrammenden Bond-Tyranninnen, ausgediente Action-Kulissen (Ski-Piste, U-Boot) und einer der belanglosesten Bond-Bösewichte aller Teufelszeiten. Dieser hätte das Gewohnheitsbild der physisch wie psychisch deformierten Kreaturen aus vergangenen Bond-Dekaden weitertragen können, hat jedoch an einem verkürzten Drehbuch(dackel)blick zu leiden. Q versinkt im Boden, der Nachfolger steht bereit und Bond entkommt Hubschrauber-Sägeblättern – spärlich gesäte Highlights einer erschreckenden Bond-Fantasielosigkeit. 


»STIRB AN EINEM ANDEREN TAG«
»DIE ANOTHER DAY«
(GB, USA 2002; Regie: Lee Tamahori)
 
Was hätte aus "Stirb an einem anderen Tag" werden können, wenn er bis zum Ende das angeheiterte Spiel mit den Reminiszenzen durchgehalten hätte, jenes Spiel nämlich, das irgendwann funktioniert und irgendwann im Green-Screen-Trash absäuft? Der zwanzigste Jubiläums-Bond-Film gestattet sich die Selbstverständlichkeiten, auf die Jahre davor ziemlich wehmütig hinzuweisen, und dort ist er wohl am spaßigsten: In Qs verrückter Schrottaufbewahrungshalle lagert der Messerschuh aus "Liebesgrüße aus Moskau" und der Jetpack aus "Feuerball", einige Szenen weiter darf der Laser aus "Goldfinger" Halle Berry bedrohen, die übrigens in Kuba Ursula Andress' Bikinigang lüstern imitiert. So weit, so gut, aber da Lee Tamahori das artifizielle Videospiel entschiedener gewichtet, gerät das Gleichgewicht der Dramaturgie zwischen traditionellen (der Eispalast) und neumodischen Bond-Elementen (ein formelhafter Gegenspieler) mit jeder weiteren Comic-Aktion außer Kontrolle. Das ist oft und nicht zu wenig ein Fremdschämer im Kleinman-Titelkontrast von Hitze und Kälte, der die Anmut und Unbequemlichkeit seiner abwechslungsreichen Schauplätze im hässlichen Computer-Technizismus ihrer Identität beraubt und hauptsächlich den Konsens verhätschelt, den ein ordentlicher Bond-Film immer mit Hilfe einer Prise Inspiration ausgleichen konnte. Bond-Fans sollten nichtsdestotrotz genau hinschauen – zum ersten Mal wird Bond im Flugzeug gezeigt, auch mit Vollbart, und auf den Kuss mit Moneypenny durfte man schließlich viel zu lange warten.     

Gesamtwertungen: 4 | 10     4.5 | 10     

Freitag, 10. August 2012

"Catwoman" [USA 2004]


Scheißfilm hin, Scheißkino her: Manchmal muss man einfach freiwillig in den Abgrund hinabschauen und durch die cineastische Dunkelheit schreiten, um am Ende das Licht des guten Geschmacks sowohl zu erblicken als auch richtig schätzen zu können. "Catwoman" ist so ein Film, der Bodenschatz im Bodensatz aller Comicadaptionen. Nichts ist schmerzhafter für einen Mann – physisch wie psychisch gesehen –, wenn seine Klöten abgeschnitten werden, aber ebenso schmerzhaft kann es sein, Halle Berry in ihrer kalkulierbaren Entwicklung vom tölpelhaften Naivchen im Schlabberoutfit zur exaltierten Lack- und Lederamazone zu verfolgen, die sich ihren White Russian blank servieren lässt (eben ein anderes Wort für "Milch"). Um die problembehaftete Diskrepanz zwischen Nachtbestie und Tagesmädchen, auch psychologisch in Hinsicht zu einer Liebesbeziehung, zu umreißen, benötigt es kein Drehbuch, wie in "Catwoman" ersichtlich. Drehbuch? Pah! Wo auch? Catwoman jagt böse Buben aus der Kosmetikindustrie, versucht Pickel und Hautunreinheiten auszudrücken, weil sie zuvor von chemischem Abfall getötet und per ägyptischer Katze wiederbelebt wurde. Stakkatoschnitt und heiße Beats beflügeln den Film dahin, dass er nichts kann, weder Action noch Actionszenen, weder Sport noch Basketballsport, weder Filmen noch Kino. Mit orientalischen Trance-Songs, die sonst bei Wahrsagern und falschen Fünfzigern gespielt werden, suhlt sich "Catwoman" in ätherischen Ölen, die den hiesigen MTV-Videos dieser Welt ihre aufdringliche Klebrigkeit verkaufen. Der Hintern und die Brüse Berrys sind gut verpackt, was einzig und allein fehlt, ist die Verpackung der Verpackung, denn asiatische Profikiller, französisch wirkende Kotzbrocken-Chefs, zersplitterndes Glas, das zersplittert, bevor es zersplittert, und ein CGI-Schnurren besiegeln vor allem die Hölle, in deren Untiefen solche Filme gedreht werden. Sharon Stone ist irgendwie trotzdem grandios: Make-up bis zum Anschlag, weiße Haare, kühl und heiß, frisch der "Basic Instinct"-Wanne entstiegen und einer Marmorhaut, hart und unästhetisch, dem Drang verfallen, der Alterung zu entgehen; eine Selbstreflexion wider Willen.  

2 | 10

Samstag, 11. Februar 2012

"Gothika" [USA 2003]


Spätestens seit "Monster's Ball" bestätigte Halle Berry kontinuierlich ihr Missverständnis von Method acting, zwar auf Kommando so ganz artig quietschen, wälzen, schreien, stöhnen, wimmern und herumfuchteln zu können, aber dabei nicht wirklich authentisch zu bleiben und sich der Rolle verbunden fühlen. Die erschöpfende schauspielerische Einsatzbereitschaft für vollstes Engagement, damit ihr auch jeder glaubt, sie sei Schauspielerin ab Haaransatz, ersäuft jede Rolle in Pathetik, überkünstelt sie automatisch. Andere können's irgendwie, sie nicht – des Öfteren jedenfalls. Auch in "Gothika" nervt sie schlicht und ergreifend, und zwar kolossal. Grund siehe oben. Obwohl sie, wohlgemerkt, eine rationale Psychiaterin spielt, deren distanziert-kritische Zurückhaltung gegenüber übernatürlichen Realitätsverschiebungen ihrer Patienten aufgrund jener Berry-Show nichtsdestotrotz jäh negiert wird, indem das Rationale dem ungewollt Irrationalen weicht. Die Rolle, anders ausgedrückt, sie führt sich spektakulär ad absurdum. Was die Hauptdarstellerin nicht zu leisten imstande ist, führt der Film dagegen unter gegebenen Umständen praktischerweise fort, passt also. Denn "Gothika" besteht nicht nur aus einer Hälfte Halle-Barry-Selbstbeweihräucherung und aus einer anderen Hälfte Geistergeschrei, sondern ist obendrein haarsträubend und an jene Zielgruppe gerichtet, die im heutigen Zeitalter immer noch Schiss vor geisterhaften Halluzinationen hat. An Heranwachsende vielleicht, aber dafür hat sich der Film eine zu hohe Altersfreigabe ergaunert. Hm. Was nun? Scheiße.Scheiße auch der in seiner intendierten Dramaturgie hochnotpeinlich-herbe Blaufilter, den von der Kameralinse abzukratzen sich keiner ernsthaft erbarmt hat, weil die Kulisse 'ne bitterkalt-spröde Irrenanstalt ist, die zudem als burgähnliches Hofverließ mit dicken Mauern, allgegenwärtig flackernden Lichtern, knisternden Stromausfällen und abgelegenem Swimming Pool verstanden wird, gegen welches das Kuckucksnest geradeheraus kuschelig aussieht. Na klar!

Noch ein paar Klischees zur Abrundung: Inkompetenz des kompletten Mitarbeiterstabs, dazu donnert und plätschert es draußen aus Gewitterwolken an Wassermassen. Sind wir dem Punkt insofern nicht langsam überdrüssig, als dass Menschen im Film genauso verrückt sein müssen wie die ebenso seelenunruhige Architektur wie aufbrausende Umwelt ihrer Institution, in denen sie untergebracht sind? Ja, sind wir. Das hindert Kassovitz dennoch nicht daran, mit ihm händchenhaltend über den Gehweg zu spazieren, dem Punkt – der ausgefransten, total verrückten Irrenklischees. Wofür man insbesondere Kameradreher Matthew Libatique Beachtung schenken muss, speist sich aus dem, dass der Film dank Libatiques wabernd-ruckartig überfrachteter Kamerahalluzination, die kalkuliert mit den undurchsichtigen, sämtliche Materialien neutralisierenden Geisterformen in ihren kreiselnden Bewegungen korrespondiert, immerhin graziös fotografiert ist. Auch dann, wenn Libatique Halle Berry (Rollenname: Dr. Miranda Grey) zu Beginn bewundernswert majestätisch, raumausfüllend folgt, wie sie durch den nahezu vollständigen Anstaltskomplex stolziert. Gefällt. Der Rest eher nicht, ein in seiner Summe melodramatisch-romantisierendes Schauerstück Marke Gothik und Haunted, Entfächerer entweder pseudopsychotischer Plattitüden (die abgedroschene Jagd nach mehreren Sadisten), ausgedienten Bammel-Neurosen (der Geist einer Verstorbenen leitet die Hauptfigur aus dem Jenseits zu des Rätsels Lösung), immer gleichen Thrilleranleihen (Ausnahme: Berry im Wasser versteckend, das ist okay), CGI-Amateurismus (Feuer) oder kaum gewinnbringenden Subtext-Disparitäten, die den Dualismus im Bereich von Vernunft, Aberglaube und Wissenschaft für Unterhaltungszwecke des üblichen Mysteryprogramms herunterschrauben. Was hatten da eigentlich Penélope Cruz und Robert Downey junior verloren? Gruselig. Ein verlorener Geist an Kuriositätenkabinett.

2,5/10