Samstag, 23. Mai 2009

Literatur: "Die Säulen der Erde" / "The Pillars of the Earth" [Ken Follett, 1989]



Unlängst gilt Ken Folletts "Die Säulen der Erde" als Meisterwerk, als, mehr noch, Klassiker historischer Literatur. Von den Deutschen in einer Umfrage als dritt beliebtestes Buch gewählt, ist "Die Säulen der Erde" vor allem Folletts Opus Magnum, sein Schlüsselwerk. Erst mit diesem Roman, der zum Weltbestseller avancierte, mutierte Follett zum anerkannten Spitzenautoren. Doch des Schriftstellers 50 Jahre umfassende Erzählung ist mehr als das. Es ist nicht nur ein Lobgesang auf die damalige Architektur, nicht nur eine Einführung ins mittelalterliche Leben, nicht nur ein epochales Panorama aus Grausamkeit, Liebe, Verrat und Zerrüttung, nicht nur ein Plädoyer für Menschlichkeit, es ist vielmehr ein vollgefressenes Sittengemälde einer Zeit, die aus den Fugen geraten ist. Schon der Einstieg des Buches transportiert letztendlich das, was Follett in den folgenden sechs Momentaufnahmen – der Roman ist in sechs große Teilabschnitte eingegliedert – beibehalten wird.

Follett porträtiert eine schäbige Welt, eine herbe, dunkle, eine durch und durch ungerechte Welt, in der noch bei der Arbeit geschwitzt wird, kaum Essen vorhanden ist, in der sich erst eine konkrete Vorstellung von Recht, Gerechtigkeit und Gesetz entwickelt. In der die Obrigkeit – der Adel, der Klerus – über allen anderen steht, der durch aktiven Widerstand ein Ende gemacht werden muss, nicht durch den stets vorherrschenden passiven. Hier gilt das Recht des Stärkeren; Bürgerkriege, Hungersnöte, politische Machtkämpfe sind an der Tagesordnung. Anhand von Vergewaltigungen, Mord und Totschlag, anhand streng konservativer, moralischer Wertevorstellungen von Religion und Liebe, ist Folletts Version des Mittelalters aber auch grausam – sowohl in körperlicher als auch in seelischer Hinsicht. Abgesehen davon, wird aber gerade die Kirche – in "Die Säulen der Erde" ein essentieller Bestandteil für die Narration – erstaunlich differenziert dargestellt, eben nicht als ausbeuterisch und menschenverachtend, eben nicht eindimensional.

Dennoch lebt "Die Säulen der Erde" nicht vordergründig von seinem politischen, äußerst komplexen Subtext, von seinem historischen Ambiente, von der Melange aus Brutalität und Sentimentalität, schon gar nicht von Folletts rotem Faden, nämlich der Architektur. Nein, rund um die Haupthandlung, die sich mit der Errichtung einer neuen Kathedrale in Kingsbridge auseinandersetzt, breitet Follett parallel viele weitere kleinere Handlungsstränge, Linien, Nebenlinien, Puzzleteile aus, die entweder Lügen und Intrigen thematisieren oder eben den Irrsinn der Liebe. Parallel laufen sie ab, diese Geschichten, verschmelzen geradezu grandios ineinander, laufen dann wieder virtuos auseinander. So ist der Prolog beispielsweise als Passage angelegt, die dramaturgisch zwar anfangs nicht wirklich etwas hergibt, im späteren Verlauf der Geschichte entwickelt sie sich allerdings immer mehr zu einer Art Schlüsselszene, die am Ende noch einmal in ähnlicher Form aufgegriffen wird - "die kleinen Jungen waren die ersten, die zum Richtplatz kamen".

Nebenher ist insbesondere des Autors Liebeserklärung an die damalige Bauweise in jeder einzelnen Seite spürbar. Follett spannt in seinem monumentalen Werk die Architektur bis zur Gotik und liefert dem Leser detaillierte Beschreibungen von baulichen Gegebenheiten. Mit fundiertem Fachwissen über architektonische Belange berichtet Follett von der Arbeit der Steinmetzen und der Baumeister. Selbst eine universelle Liebesgeschichte findet sich im Roman, die jedoch weder kitschig noch aufgesetzt wirkt; ganz im Gegenteil, denn gerade der erste Beischlaf zwischen Aliena und Jack strotzt vor erzählerischer Kraft und bäumt sich durch Folletts sinnlich-erotische Sprache zu einem Höhepunkt (hihi) des Romans auf.

Im Fokus des Buches stehen mehr oder weniger fünf Protagonisten, bei denen jeweils die Erzählperspektive Kapitel pro Kapitel variiert. Das ist jedoch keineswegs nervend oder gar redundant – auch wenn das zunächst einen etwas wirren Eindruck vermitteln könnte –, denn spätestens ab dem Zeitpunkt, als sich die Wege der Akteure kreuzen, wenn sich ihre Handlungen, ihre Motive langsam ineinander verweben, gelangt man zu der Erkenntnis, dass sich Follett dabei tatsächlich etwas gedacht hat. Und ja, wie er letztlich alles zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügt, zu einem Puzzle bastelt, ist über die ganze Länge gesehen – und das Buch ist sehr lang – zweifelsohne lobenswert. Selbst die eigentlichen Figuren sind mit viel Liebe zum Detail gezeichnet, sie erscheinen greifbar, plastisch, aber vor allem ungemein ambivalent.

Wir verfolgen quasi ihr gesamtes Leben, ihren Aufstieg und Fall. Da gibt es einen Mönch, die (für dieses Genre) obligatorische, wunderschöne Grafentochter, ein Baumeister mit zwei Söhnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, da gibt es auch einen knüppelharten Antagonisten, der angesichts seiner nie klar werdenden Beweggründe seiner furchtbaren Taten (Demütigung? schwere Kindheit? Angst vor der Hölle? seine giftspritzende Mutter?) ebenfalls mit einer gewissen Vielschichtigkeit daherkommt, nicht von Natur aus böse ist und keine oberflächlich monotone Gestalt bleibt. Von eben diesen Charakteren geht auch die meiste Spannung aus, speziell von ihren Konflikten, von ihren Enttäuschungen, von ihren Vorurteilen; Follett spielt geschickt mit den Emotionen des Lesers – immer wieder baut er mit Hilfe seiner handelnden Personen erzählerische Wendungen ein, nur um sie im nächsten Augenblick wieder ad absurdum zu führen.

In Bezug auf ein endgültiges Urteil von Ken Folletts "Die Säulen der Erde" überwiegen ganz klar die positiven Aspekte. "Die Säulen der Erde", das ist ein gewaltiges Buch, voller Dramatik und Theatralik, ein lebendiges wie leises Figurenspiel, eine kolossale und nicht minder spannende Odyssee durch eine düstere Zeit, die von Folletts einfachem, aber unnachahmlichem Schreibstil veredelt wird. Hier und da schwächelt zwar der letzte Akt dahingehend, dass die Fülle an Konflikten, die allesamt durch ein Happy End in letzter Minute ausgemerzt werden, den Leser förmlich erschlägt, trotzdem darf man festhalten, dass "Die Säulen der Erde" sowohl vom Unterhaltungswert her, als auch von der historischen Tiefenschärfe aus nicht nur fesselt, sondern auch zusätzliches Wissen überträgt.